Der Drei-Billionen-Dollar-Krieg

(MK) Der Unterschied zwischen einer politischen Prognose und einer wissenschaftlichen Berechnung beträgt annähernd 3.000.000.000.000 US-Dollar. Die Rede ist vom Irakkrieg und von einem Buch, das in den USA soeben erschienen ist und die Kosten dieses Krieges der amerikanischen Öffentlichkeit präsentiert.
Geschrieben haben es die Harvard-Ökonomin Linda Bilmes und der Wirtschafts-Nobelpreisträger Joseph Stiglitz. Weshalb die beiden US-Wissenschaftler auf eine um das Sechzigfache über den Prognosen der US-Regierung in 2002 liegende Summe kommen und Präsident Bush Lügen strafen, der kürzlich in einem Interview jedweden negativen Einfluss des Irakkriegs auf die US-Wirtschaft bestritt, wird bei der Lektüre dieses Buches nachvollziehbar. Was im Budget ausgewiesen werde, seien nicht die vollen Kosten des Irakkriegs. In eine volkswirtschaftliche Gesamtsicht müssten, so Bilmes und Stiglitz, neben den Militärbudgets viele andere, kaum diskutierte Posten einbezogen werden.
Dazu gehören zum einen die Kosten der Folgebehandlung für die verwundeten Soldaten sowie die finanzielle Belastung ihrer Angehörigen. Die tatsächliche Zahl der Verletzten sei systematisch verschleiert worden, unter anderem deshalb, weil die Regierung Verletzungen bei Soldaten häufig als Unfall und nicht als Kriegsverletzung zählt. Wie das geht? Würde zum Beispiel in einem US-Militärkonvoi das erste Fahrzeug durch eine Sprengbombe in die Luft gehen und das folgende auffahren, würden die Opfer im zweiten Wagen nicht gezählt; die Statistik würde sie als Unfallopfer und nicht als Opfer „feindlicher Handlungen“ ausweisen. Bei rund zwei Millionen ist Bilmes und Stiglitz zufolge die Zahl der Armeeangehörigen und US-Zivilpersonen, die auf Jahrzehnte hinaus gepflegt werden müssten, festzusetzen.
Ein zweiter wichtiger Faktor betrifft die enorme Verschuldung des Landes. George W. Bush senkte nach 2003 die Steuern und führte einen Krieg, der als erster in der Geschichte des Landes zu 100 Prozent mit Schuldscheinen finanziert wurde und wird. Nach den Schätzungen der beiden US-Wissenschaftler werden die Zinszahlungen bis 2017 die 1.000-Milliarden-Dollar-Marke erreichen – zusätzlich zur der bereits riesig hohen Verschuldung. Und da ihre Landsleute, so die beiden US-Ökonomen, kaum sparen und sich ebenfalls jede Menge Geld pumpen, kommt das notwendige Kapital aus dem Ausland. „China finanziert den Krieg der USA“, resümierte Joseph Stiglitz in einem Interview.
Einen weiteren großen Posten in der Gesamtrechnung bildet der durch den Krieg gestiegene Ölpreis. Ökonomen seien sich einig, dass der deutliche Preisanstieg für das schwarze Gold von 25 auf über 100 Dollar pro Fass seit Kriegsbeginn teilweise auf die Destabilisierung im Mittleren Osten zurückgehe. Die Autoren legen, wie sie selbst sagen, in einer „ultrakonservativen Schätzung“ lediglich 5 bis 10 US-Dollar als Zusatzkosten für die amerikanische Wirtschaft zugrunde.
Einwände gegen den zweitlängsten Krieg in der amerikanischen Geschichte nach dem Vietnamkrieg und dem zweitteuersten Krieg nach dem Zweiten Weltkrieg resultieren nicht bloß aus dem Nachweis immenser ökonomischer Belastungen. Gewiss aber gehört es zu den demokratischen Spielregeln, offen zu sagen, mit welchen Kosten man rechnen muss. Die mangelnde Offenheit bzw. bewusste Verschleierung von Höhe und Verwendung der Steuergelder aber gehört offenbar zum Politikrepertoire jener, die es nicht abwegig finden, zur Durchsetzung ihrer Interessen kurzerhand zu militärischen Mitteln zu greifen.
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(Autor: Manfred Kubik)
